Die große Vakanz

   

Die kleinen Fluchten des Stiefbruders der Nouvelle Vague: Zum Tod des Amsterdamer Filmemachers Johan van der Keuken

Ein Vibrieren wird bleiben von diesem Werk, von diesem filmischen Leben. Ein leichtes, aber hartnäckiges Zittern, das von innerer Unruhe zeugt, von einer Erregung, die nicht besänftigt werden konnte und wollte. Zwei Tassen sieht man am Anfang seines letzten Films, "Die großen Ferien", eine in die andere gestellt, und die Vibration des Tisches lässt sie leicht klackern - ein Geräusch, das Nervosität, Bruch, Katastrophe signalisiert.

Signale waren Johan van der Keuken immer lieber als Zeichen, und mit dem Bild von den Tassen führt er uns unmittelbar an die Anfänge des Kinos zurück. Als das Wunder der Großaufnahme alle Welt verzückte, als die Gegenstände des Alltags sich verwandelten unter dem Blick der mechanischen Aufnahmegeräte. Als das Neue und das Alte sich immer stärker zu überlagern begannen und das Leben mit seinen Formen spielte. "Es gibt für die Menschen", schrieb Walter Benjamin, "wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit - und das ist immer die gleiche: der Tod."

Der Tod war präsent in den letzten Filmen von Johan van der Keuken - der symbolische, erst auch, immer stärker, der physische. In seinem letzten Film hat er ihn zum Sujet gemacht - "De grote vakantie/Die großen Ferien" erzählt von der Krebserkrankung, die ihn Zeit und Raum völlig neu erfahren lässt, von den Gesprächen mit amerikanischen Ärzten und tibetanischen Heiler(inne)n, die ihn retten möchten. Mit Überraschung registriert man, dass durch diesen persönlichen thematischen Bezug die Präsenz des Filmemachers eher reduziert wird - er nimmt sich selbst zurück.

Sehr viel stärker ist die Präsenz in den allerersten Werken, in den zwei Filmen über Herman Slobbe, "das blinde Kind", 1964 und 1966, oder im "Film für Lucebert", 1967. Und natürlich in "Die neue Eiszeit", 1974 - man muss den Titel unbedingt ganz wörtlich nehmen, denn es ist, als würde durch die trostlose Unbewohnbarkeit der neuen Städte den Blicken der Kamera die Wärme und das Licht entzogen. "Amsterdam Global Village" heißt dann der Film, mit dem van der Keuken, über zwanzig Jahre später, seiner Hoffnung nachspürt, diese Entwicklung könne sich wieder umgekehrt haben.

Johan van der Keuken ist ein Stiefbruder der Nouvelle Vague - in Paris hat der von Kindheit an fotografierende Jüngling seine eigentliche Initiation als Bildermacher erfahren: "Paris à l'aube" heißt der kleine Film, der dabei entstanden ist. Von da an hat er, im Wechsel filmend und fotografierend, das Geheimnis des Sehens erforscht - und seines Gegenteils, der Blindheit. "Abenteuer eines Auges" heißt ein wunderbarer Bildband, in dem die frühen Bemühungen dokumentiert werden. Er hat dabei nicht nur die Welt abgebildet, sondern versucht, die Mechanismen sichtbar zu machen, mit denen diese Abbildungen zustande kommen. Ein filmisches action painting ist es, was van der Keuken versucht hat, ein visueller Jazz - viele der frühen kurzen Filme sind in enger Zusammenarbeit mit dem Musiker Willem Breuker entstanden. Die Aggressivität dieser frühen Werke tut wohl, sie verdankt sich einer heftigen Anstrengung, dem Widerstand der Welt, den sie dem entgegensetzt, der ihr seine Bilder abtrotzen will. An manchen Punkten seines Lebens wirken die Filme dann wie kleine Fluchten - in den letzten Jahren hat er versucht, Bilder von Indien und Afrika, von Irak und Tibet zu uns zu bringen. "Vacances prolongés" heißt der letzte Film in Frankreich, und die Verlängerung macht in der Tat das Geheimnis im Werk von Johan van der Keuken aus.

Ein berühmtes Foto gibt es, aus dem Jahr 1952, vom jungen, vierzehnjährigen Johan, wie er sich (noch) ganz unnahbar gibt und dadurch sehr verletzlich wirkt. Ein Selbstporträt, auf dem man ihn neben seiner Kamera sieht, die Hand mit dem Auslöser erhoben. Neugierig schräg hebt er den Kopf, reckt den Hals aus dem weiten weißen Hemdkragen. Es ist ein Bild, das seine eigene Existenz zu leugnen scheint - weil es einen Augenblick von Spannung und Erwartung zeigt, der ewig dauern müsste, und der durch ein einzelnes, ein einziges Bild nie festgehalten werden kann. Die Wahrheit, so nochmals Benjamin, ist der Tod der Intention. Viele Jahre später wird Johan van der Keuken dieses Bild gewissermaßen eigenhändig revidieren - wenn er dem Herrn To Sang einen kleinen Film widmet, der in einer kleinen Nebenstraße in Amsterdam ein kleines Fotostudio besitzt und dort, ganz im alten Stil, würdige Porträtaufnahmen gestaltet.

Im Herzen von "Die großen Ferien" sehen wir ein wunderschönes kleines Bild von Paul Klee, der Johan van der Keuken so nahe gestanden haben muss wie auch Walter Benjamin: Ein Blick wie durch ein flirrendes Fenstergitter, hinter dem farbig das Leben spielen muss. Am Sonntag ist der Bildermacher Johan van der Keuken im Alter von 62 Jahren in Amsterdam gestorben.

Quelle: Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung vom 11.01.2001 - Filmseite
 
 

Links

   Pieter van Huystee: Film- & TV-Produktionen
 
   Paris Mortel: Fotoserie von Johan van der Keuken
 
 

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